Monika Sax, Journalistin

Insektensterben

Insektensterben

Darum ist das Insektensterben ein echtes Problem

Text für Quarks.de

Die Insekten in Deutschland werden immer weniger. Die Gründe dafür sind vielfältig - die Auswirkungen auch. Klar ist: Das könnte für uns alle übel enden.

Darum geht's: Die Insekten sterben

Die Biomasse von fliegenden Insekten ist zwischen 1989 und 2014 insgesamt um über 75 Prozent zurückgegangen. Erhoben wurden die Daten an 63 Standorten in Naturschutzgebieten in NRW, Rheinland-Pfalz und Brandenburg.

Der Entomologische Verein Krefeld hat in dieser Zeit fliegende Insekten gesammelt und gewogen. An zwei Standorten stellten die Insektenforscher einen Rückgang von bis zu 80 Prozent der Insektenmasse fest.

Die von den Hobbyforschern erhobenen Daten bestätigte ein Wissenschaftler-Team um Prof. Caspar Hallmann der Universität Radboud. Deren Publikation liefere den Beleg dafür, dass wirklich ein großflächiges Phänomen vorliege, erklärt der nicht an der Studie beteiligte Prof. Dr. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

“Die Ergebnisse der Untersuchung sind schockierend. Die Arbeit ist methodisch sauber und zeigt flächendeckend für eine große geografische Region Mitteleuropas einen massiven Biomasserückgang für Insekten. Wir befinden uns mitten in einem Albtraum, da Insekten eine zentrale Rolle für das Funktionieren unserer Ökosysteme spielen”, warnt Prof. Dr. Johannes Steidle der Universität Hohenheim.

In einer Übersichtsstudie aus dem Jahr 2019 bestätigten Wissenschaftler um den australischen Ökologen Francisco Sánchez-Bayo vom Sydney Institute of Agriculture diese Entwicklung auch global.

Sie werteten 73 Studien über den Rückgang unterschiedlicher Insektenarten aus. Die Daten kamen zum überwiegenden Teil aus Westeuropa und Nordamerika. Die Forscher stellten fest, dass der Bestand von mehr als 40 Prozent aller Insektenarten weltweit zurückgeht. Betroffen sind vor allem Schmetterlinge, aber auch Hautflügler, zu denen Ameisen, Wespen und Bienen gehören.

Die Wissenschaftler warnen davor, dass es in 100 Jahren keine Insekten mehr geben könnte, wenn weiterhin jedes Jahr so viele Arten aussterben. Diese Prognose ist allerdings wissenschaftlich nicht haltbar – zu viele Faktoren sind nicht vorhersehbar.

Doch klar ist, dass es ein massives globales Insektensterben gibt. Und das beeinflusst uns alle.
 

Darum müssen wir drüber sprechen:

Ohne Insekten brechen die Ökosysteme zusammen

Mehr als 85 Prozent aller Pflanzenarten sind abhängig von Bestäubung. Darunter viele Pflanzen, die zur Grundlage der weltweiten Ernährung zählen, wie Äpfel, Avocados, Karotten, Zucchini und Brokkoli.

Bestäuber sind für etwa 35 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion verantwortlich und für bis zu 40 Prozent für die Versorgung mit Mikronährstoffen, wie Vitamin A. Ohne Insekten würde es weniger Früchte, Gemüse und Nüsse geben. Die Blüten müssten per Hand bestäubt werden.

Mehrere Millionen Menschen würden jedes Jahr als Folge der Mangelernährung sterben.

Ohne Insekten verarmen ganze Lebensräume, sie sind die Grundlage für das Funktionieren von Ökosystemen.

Für das Ökosystem „Wiese“ hat ein Experiment der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) untersucht, wie wichtig Tiere verschiedener Größe sind. Das Ergebnis: Ohne die großen Tiere wie zum Beispiel Hirsche funktioniert das Ökosystem anders, aber nicht schlechter. Ohne Insekten geht die Pflanzenvielfalt auf der Wiese geht zurück, die Wiese verarmt und kann sich weniger gut auf geänderte Umweltbedingungen reagieren. In verarmten Ökosystemen wiederum finden weniger Tiere Nahrung und Lebensraum. Das Artensterben wird noch weiter beschleunigt.

Insekten sind außerdem ein riesiger Wirtschaftsfaktor. Alleine ihre Bestäubungsleistung wird auf 153 Milliarden Euro im Jahr geschätzt.

 

Aber:

Die Gründe für das Insektensterben sind vielfältig

Durch die Überdüngung der Landschaft gehen artenreiche Ökosysteme verloren. Die Hälfte aller auf der “Roten Liste” stehenden Pflanzenarten ist laut einer Studie des Umweltbundesamtes wegen zu viel Stickstoff bedroht. Pflanzen und Gräser, die Stickstoff gut vertragen wuchern und verdrängen die für Insekten wichtigen Futterpflanzen.

Dazu kommt der Einsatz von Pestiziden. Diese treffen oft nicht nur die Schädlinge, sondern auch alle anderen Insekten.

Besonders in der Kritik sind die Neonicotinoide (NNI). Die hochwirksamen Insekten-Nervengifte werden seit Mitte der 1990er Jahre in der Landwirtschaft eingesetzt. Mit ihnen wird das Saatgut behandelt. Mit dem Wachsen der Pflanze verteilt sich das Gift bis in Pollen und Nektar. 

Inzwischen gibt es einige Studien, die negative Auswirkungen der Neonicotinoide auf Bienen belegen. So berichteten Schweizer Forscher 2016 im Fachmagazin “Proceedings of the Royal Society B”, dass bestimmte Neonicotinoide die Fruchtbarkeit männlicher Honigbienen verringern und deren Lebensspanne senken. 

Eine Untersuchung von dem Neurobiologen Randolf Menzel der FU Berlin zeigt, dass Neonicotinoide das Gedächtnis von Bienen beeinflussen. Zwei aktuelle Studien aus Großbritannien bestätigen den schädlichen Einfluss. An der Studie aus Großbritannien werden methodische Schwächen kritisiert, die gemessenen Parameter seien sehr grob. Dennoch zeigt die Studie klare Effekte auf die Überwinterungsfähigkeit von Bienen.

Auch der Anbau von Monokulturen trägt zum Insektensterben bei. In Agrarlandschaften ohne Kräuter, Blühpflanzen, Hecken und Randstreifen auf den Feldern finden Insekten kaum Nahrung und Lebensraum.

Der Klimawandel führt unter anderem dazu, dass viele Pflanzen früher blühen. Der frühere Blühzeitpunkt bringt den Rhythmus mancher Insekten durcheinander. So steuert zum Beispiel bei Schmetterlingen die Tageslichtlänge, wann sie aus der Winterpause erwachen. Wenn dann ihre Futterpflanzen bereits abgeblüht sind, finden sie keine Nahrung mehr.

Andere Insekten werden vom Klimawandel profitieren und sich stark vermehren. Durch die milden Winter überleben mehr Parasiten und machen auch den Insekten zu schaffen.

In den letzten Jahrzehnten wurden außerdem immer mehr Flächen in Deutschland für neue Siedlungen, Verkehr und Gewerbe versiegelt. Verlorener Lebensraum für Insekten.

 

Insekten müssen geschützt werden

Im Juni 2018 hat die Bundesregierung Eckpunkte für das im Koalitionsvertrag angekündigte “Aktionsprogramm Insektenschutz” beschlossen. Jährlich sollen fünf Millionen Euro für Projekte zum Schutz von Insekten ausgegeben werden. So sollen zum Beispiel Insekten-Lebensräume wie Gewässer und Wiesen, eine vielfältigere Agrarlandschaft, mehr Hecken und blütenreichen Feldränder gefördert werden. Auch Schutzgebiete sollen gestärkt werden. Zudem soll die Anwendung von Unkrautvernichtungsmitteln verringert werden, ebenso der Einsatz von Düngemitteln. Außerdem soll das Aktionsprogramm dazu beitragen, Wissenslücken über das Insektensterben zu schließen.

Ein Zusammenschluss von 150 europäischen Forschern hat einen Neun-Punkte-Plan zur Rettung der Insekten aufgestellt. Die Wissenschaftler fordern die Einschränkung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft. Neonicotinoide und Totalherbizide sollten komplett verboten werden. Sie raten außerdem zu insektenfreundlicheren Grünflächen und Naturschutzgebieten, um dort die Artenvielfalt zu erhöhen. Die Behörden müssten dafür mit mehr Geld ausgestattet werden. Bei der Straßenbeleuchtung sollten nur noch LED-Lampen verwendet werden, die für Insekten weniger attraktiv seien – besonders bläuliches Licht zieht Insekten stark an.

EU-Agrarsubventionen müssen nach Ansicht der Experten an ökologische Leistungen der Landwirte gekoppelt werden. Außerdem brauche es eine Forschungs- und Bildungsoffensive in Deutschland, da die Artenkenntnisse der Menschen im Land gering seien. Auch Privatgärten ließen sich insektenfreundlicher gestalten. Tipps dafür findest du hier.

 

 

Gärtnern in der Stadt

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Gentechnik

Gentechnik

Bis aus den Erkenntnissen des "Erbsenzählers" Mendel das erste Klonschaf entstand und die Welt gleichermaßen faszinierte und erschütterte, vergingen ungefähr 150 Jahre.

Von der Genetik zur Gentechnik

1865 kreuzte der Augustinermönch Gregor Johann Mendel gelbe mit grünen Erbsen, um die Prinzipien der Vererbung zu erforschen. Er hätte sich bestimmt nicht träumen lassen, dass er damit entscheidend zur Entstehung eines neuen Wissenschaftszweigs beitrug: der Gentechnologie. Doch bevor Forscher mit der Gentechnologie aktiv das Erbgut von Lebewesen verändern konnten, mussten sie erst einmal mehr über die Grundlagen des Lebens lernen. Dafür benötigten sie die Genetik.

Schon 1929 entdeckte der Forscher Phoebus Levene die Desoxyribonukleinsäure (DNS). Dieses Biomolekül kommt in allen Lebewesen vor und ist Träger der Erbinformation. Doch erst 1953 akzeptierte die Mehrheit der Wissenschaftselite Levenes Erkenntnis. Denn in diesem Jahr veröffentlichten James Watson und Francis Crick das berühmte dreidimensionale Doppelhelix-Modell vom Aufbau der DNS und bestätigten damit, was Levene schon Jahrzehnte vorher herausgefunden hatte.

Anfang der 60er Jahre entdeckte der Biochemiker Marshall Nirenberg die Regeln für die Entschlüsselung des genetischen Codes. 1965 fanden die Franzosen François Jacob und Jacques Monod heraus, wie die Aktivität von Genen an- oder abgeschaltet werden kann. Etwa zeitgleich entdeckte der Schweizer Molekularbiologe Werner Arber die Genscheren (Restriktionsenzyme). Mit diesen lässt sich DNS an bestimmten Stellen zerteilen. Nun wussten die Wissenschaftler genug über die Bausteine des Lebens und besaßen die wichtigsten Werkzeuge, um die Erbsubstanz neu zu gestalten.

Geburt einer neuer Wissenschaft

1973 war es so weit: Die Biochemiker Herbert Boyer und Stanley Cohen nutzten die Genscheren erstmals, um Erbanlagen von einem Organismus auf einen anderen zu übertragen. Sie schleusten die DNS eines Frosches in ein Bakterium ein. Das Ergebnis: eine neu kombinierte, eine "rekombinante" DNS. Diese neue DNS brachten sie dann in ein anderes Bakterium, die Wirtszelle, ein. Die Wirtsbakterie produzierte darauf das Protein, dessen Bauanleitung in dem eingebrachten Gen niedergeschrieben ist – der erste gentechnische Versuch war gelungen.

Dieses Experiment eröffnete völlig neue Optionen. "Es könnte möglich sein", schrieb Cohen, "in ein Bakterium Gene einzuführen, die Funktionen wie beispielsweise die Herstellung von Antibiotika festlegen, die eigentlich anderen biologischen Klassen angeboren sind". Die Forscher hatten Blut geleckt.

Anfängliche Bedenken

Aber auch Kritik wurde laut: War es richtig, artfremde Erbinformationen in andere Organismen zu übertragen? War es ethisch vertretbar, Erbeigenschaften zu manipulieren? War die Wissenschaft gerade dabei, die Büchse der Pandora zu öffnen? Der Biochemiker Paul Berg – selbst maßgeblich am Einsatz der Genscheren beteiligt – war einer der größten Kritiker. Er brach seine Versuche in Stanford ab und forderte ein vorläufiges Moratorium. Einige Monate stand darauf tatsächlich die Arbeit in den Laboren weltweit still. Eine Konferenz im kalifornischen Asilomar sollte 1975 klären, wie mit dem neuen Werkzeug Gentechnik umgegangen werden sollte. 140 führende Wissenschaftler einigten sich darauf, dass Versuche mit Krebsgenen und die Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen vorerst tabu wären. Die Beschlüsse der Asilomar-Konferenz flossen später in die nationalen Gentechnik-Gesetze ein. Doch schon Anfang der 80er Jahre war man der Meinung, die Risiken inzwischen abschätzen und kontrollieren zu können.

Geld mit Genen

Der Startschuss für die kommerzielle Nutzung der Gentechnik war gefallen. Bereits 1976 gründeten Helmut Boyer und Robert Swanson die erste Biotechnologiefirma, "Genentech Inc.". Im Jahr 1978 gelang es ihnen, Mikroorganismen mithilfe der neuen Methoden so umzuwandeln, dass sie menschliches Insulin zur Behandlung von Diabetes (Zuckerkrankheit) produzierten. 1982 brachte "Genentech" gentechnisch hergestelltes Humaninsulin auf den Markt.

1986 fand der weltweit erste Freilandversuch mit einer gentechnisch veränderten Pflanze statt. 1988 wurde erstmals ein Patent auf ein lebendes Tier erteilt: eine transgene Maus. Sie erkrankte besonders oft an Krebs und wurde in der Tumorforschung eingesetzt. 1989 gelang in den USA erstmals die Übertragung fremder Gene in menschliche Körperzellen mithilfe von Viren.

Es folgte das große Gentechnikjahr 1990: In Deutschland wurde das Gesetz zur Regelung der Gentechnik erlassen, in dem unter anderem Freisetzungsrichtlinien, Sicherheitsmaßnahmen und Genehmigungsverfahren geregelt waren. Gleichzeitig wagten sich amerikanische Ärzte zum ersten Mal an die Gentherapie. Sie korrigierten einen Defekt in kranken Zellen mit Hilfe der Gentechnik und setzten die gesunden Zellen erfolgreich wieder in den Patienten ein.

Im gleichen Jahr begann die Arbeit der "Human Genome Organisation" (HUGO). Diese Vereinigung von mehr als 1000 Wissenschaftlern aus aller Welt wollte bis zum Jahre 2003 das gesamte menschliche Erbgut entschlüsseln, was ihnen auch gelang. 1990 fand außerdem die Jubiläums-Konferenz "25 Jahre nach Asilomar" statt. Einige Gentechniker der ersten Stunde, wie Paul Berg, kritisierten die zunehmende Kommerzialisierung der Gentechnik.

Gentechnik: Teil unseres Lebens

Die Entwicklung nahm nochmals Geschwindigkeit auf. So kam 1994 in den USA die erste gentechnisch veränderte Anti-Matsch-Tomate auf den Markt, 1996 wurden dort bereits auf großen Flächen transgene Nutzpflanzen, wie Mais und Soja, angebaut.

1996 erblickte das berühmteste geklonte Säugetier der Welt, das Schaf Dolly, das Licht der Welt.  Im September 1999 erschütterte der Tod von Jesse Gelsinger die Gentechnikwelt. Der 18-jährige Mann aus Arizona nahm an einer Gentherapie teil, die bei ihm zum Tod führte. Er war das erste Opfer dieses Verfahrens.

2000 gab es weltweit bereits über 2500 Biotechunternehmen, fast 400 waren börsennotiert. Am 7. Dezember des gleichen Jahres wurde die "Charta der Grundrechte" auf dem Europäischen Gipfel von Nizza verkündet. In dem Kapitel über die Würde des Menschen wurde das reproduktive Klonen von Menschen verboten. Damit wurde die gentechnische "Herstellung" von Menschen mit identischem Erbgut untersagt.

Am 22. Januar 2001 billigten die Mitglieder des britischen Oberhauses Pläne der Regierung, das Klonen von menschlichen Embryonen für Forschungszwecke zuzulassen. Heute sind gentechnisch veränderte Pflanzen in der Landwirtschaft und gentechnisch hergestellte Arzneimittel keine Besonderheit mehr. Wie die Zukunft der Gentechnik, zumindest im Lebensmittelbereich, aussehen wird, hängt vor allem vom Verhalten der Konsumenten ab. 2008 führte der öffentliche Protest in Frankreich zum Beispiel zum Stopp von Freilandversuchen und kommerziellem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen.

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